Ich verarbeite die Kinderlosigkeit - Teil 2
Ich habe einen Brief geschrieben. Einen Brief an mein erstens Wunschkind. Ein Mädchen sollte es sein. Und sie sollte Clara heißen. Da sie ja noch allein ist, weil ihr Brüderchen noch nicht da ist, ist der Brief erst einmal nur an sie gerichtet.
Liebe Clara,
von Tag zu Tag wird mir klarer, dass ich nicht deine Mama sein darf. Leicht ist das nicht. Das kann ich dir sagen. Immer wenn ich andere Leute mit ihren Kindern sehe, steigt eine Mischung aus Trauer und Hass in mir auf. Erst gestern hätte ich am liebsten ein Kind einfach mitnehmen wollen. Es lief scheinbar allein durch die Straßen der Stadt und weinte. Erst dachte ich, es hätte auf dem Weihnachtsmarkt seine Eltern verloren und sucht sie nun. Es hat bestimmt zwanzig Minuten gedauert, bis sich ein Mann, der fünfzig Meter vorn weg lief, als Papa zu erkennen gab. Wenigstens hat er die Kleine nicht allein über die Straße laufen lassen ...
Ich war einfach nur entsetzt über die Ignoranz der Leute. Niemand hat sich gekümmert oder auch nur geschaut.
Ich habe die Hand auf meinen Bauch gelegt. Da hin, wo du warm und geschützt entstehen und wachsen solltest. Doch du warst da nicht. Und ich musste auch weiter. Dein Papa wurde ungeduldig.
Zu Hause habe ich meinen, unseren Traum dann weiter geträumt. Auf der Couch, bei Kerzenschein und einer wunderschönen Musik.
Meine Hand lag wieder auf meinem Bauch und ich habe die Augen geschlossen gehabt. Ich konnte mir die Schwangerschaft mit dir richtig gut vorstellen:
Erstmal hätte ich sicher nichts bemerkt. Ich kontrolliere ja nicht, ob auch alles schön regelmäßig ist. Aber spanisch wäre mir das sicher irgendwann vorgekommen. Spätestens dann, wenn mir regelmäßig übel gewesen wäre. In dem Moment wäre ich wohl zur Ärztin gegangen.
Geweint hätte ich, wenn sie gesagt hätte: "Herzlichen Glückwunsch, sie sind schwanger!" Aber keine Sorge, das wären Freudentränen gewesen. Tränen der Erleichterung und dem Stolz, endlich das große Ziel erreicht zu haben.
Deinem Papa hätte ich es nicht einfach so gesagt. Das wäre viel zu profan für dieses großartige Ereignis gewesen. Nein, ich wäre in einen Schuhladen gegangen und hätte die niedlichsten aller Kinderschuhe gekauft. Schön eingepackt und mit einer riesigen Schleife drauf, hätte ich es deinem Papa dann geschenkt. - Er hätte sichauch riesig gefreut.
Die Zeit wäre spannend und wunderbar zugleich gewesen. Mit Spannung und unendlich ungeduldig hätte ich jeden Abend meinen Bauch betrachtet. Hätte gehofft, es möge sich doch endlich eine Wölbung zeigen, die jedem gesagt hätte: "Diese Frau wird Mama!" Aber meine Ausstrahlung hätte es jeden wissen lassen. Dieses verräterische Blitzen in meinen Augen wäre unübersehbar gewesen.
Das erste Ziehen in meiner Brust wäre sicher unangenehm gewesen, aber andere Frauen haben das auch. Sie haben es überlebt. Also hätte ich das auch geschafft.
Und dann hätte sich endlich die lang ersehne erste Wölbung gezeigt. Nun hätte ich jeden Abend den Bauch eingeölt, das Öl sanft und liebevoll einmassiert und dabei mit dir geredet. Ich hätte dir erzählt wie aus dem Büro dein Zimmer wird. Hätte dir die Tapete, den Teppich, dein Bettchen, die Bettwäsche und sogar deinen Wickeltisch samt der Wickelunterlage ganz genau beschrieben. Immer wenn ich etwas für dich besorgt hätte, hätte ich dir davon erzählt und es dir beschrieben.
Manchmal hätte auch dein Papa den Bauch eingeölt und auch mit dir geredet. Voller Liebe zu dir hätte er sein Ohr auf den Bauch gelegt. Fast so, als würde er eine Antwort von dir auf seine Fragen erwarten.
Was hätten wir doch für ein Spaß gehabt beim Bemalen des Bauches oder wenn wir einen Gibsabdruck davon gemacht hätten. Der Abdruck hätte einen Ehrenplatz in der Wohnung bekommen. Er hätte da gestanden, wo ihn jeder sofort gesehen hätte.
Die heimlichen Höhepunkte der gesamten Schwangerschaft wären aber die Untersuchungen beim Arzt gewesen. Beim Ultraschall hätten wir dich beobachten können. Zum Beispiel wie du geade am Fruchtwasser nipst oder am Daumen lutscht.
Auch deine Herztöne zu hören, hätte mir immer wieder Schauer über den Rücken laufen lassen.
Oh ja! Ein Wunschkind wärest du gewesen, ein absolutes Wunschkind.
Und dann endlich wäre die Geburt ran gewesen. Das GROßE Abenteuer. Glaube mir, ich wäre sowas von aufgeregt gewesen...
Ich glaube aber, dein papi wäre ruhig geblieben und hätte dafür gesorgt, dass ich ins Krankenhaus komme.
Eine Wassergeburt hätte ich mir für dich gewünscht. Man sagt nämlich, dass dem Kind da einige Geburtschocks erspart bleiben. Und für meine geliebte Tochter wäre das Beste gerade gut genug gewesen.
Ich denke wir hätten eine normale Geburt gehabt. Also ohne Komplikationen.
Ach Clara, ich schreibe diese Zeilen an dich und kann dich fast körperlich spüren. Gerade kann ich spüren, wie es ist, dich im Arm zu halten. Ich herze und küsse dich und bin in diesem Moment die glücklichste Frau auf der ganzen Welt.
Dein Papi fotografiert wie ein Wilder:
du auf meinem Arm ...
du bei der Untersuchung ...
Du bei deinem ersten Bad ...
du im Bettchen, wie du dich erholst ...
Ich hab dich unendlich lieb mein kleiner Sonnenschein. So lieb, wie eine Mama ihr Baby nur haben kann. Aber leider ... Es war uns beiden nicht vergönnt uns gegenseitig kennen zu lernen.
Wie fandest du die Geschichte von dir und mir un der aufregenden Zeit? Meinst du, es wäre so gewesen? Naja, wenigstens so ähnlich ...
Ich hab dich lieb, kleine Clara
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